Über meine Art, wahrzunehmen, und was Beziehung für mich bedeutet

Meine Wahrnehmung unterscheidet sich von der vieler anderer Menschen.
Nicht, weil sie stärker oder richtiger wäre, sondern weil sie anders organisiert ist.

In mir existiert eine innere Welt aus Bildern, Fragmenten, Gedanken und Emotionen, die sich oft genauso real anfühlen wie das, was im Außen geschieht. Diese inneren Inhalte sind intensiv, dicht, manchmal überwältigend – und zugleich nicht immer klar oder sprachlich fassbar. Sie tauchen nicht als lineare Gedanken auf, sondern als gleichzeitige Eindrücke: Szenen, Stimmungen, Bedeutungsreste, emotionale Schichten.

Gerade weil diese innere Welt so real ist, brauche ich die äußere Realität nicht als Steigerung, sondern als Gegenpol.

Für mich ist Realität ein Regulationsraum.
Zeit in der Natur, Lesen, Fernsehen, alltägliche Routinen – all das dient mir nicht zur Ablenkung, sondern zur Erdung. Die äußere Welt schafft Abstand zu meiner inneren Intensität. Sie hilft mir, wieder bei mir anzukommen, ohne weiter in Gedanken einzutauchen. Realität bedeutet für mich: Entlastung.

Problematisch wird es dann, wenn dieser Regulationsraum seine Neutralität verliert.

Sobald Beziehung beginnt, jeden Bereich der Realität zu durchdringen – wenn Alltägliches beobachtet, gedeutet oder emotional aufgeladen wird –, verliert das Außen seine regulierende Funktion. Dann ist nichts mehr einfach nur da. Alles wird Bedeutung, Erwartung, Beziehungsgeschehen.

In solchen Momenten bin ich nicht nur meiner ohnehin intensiven inneren Welt ausgesetzt, sondern zusätzlich den Bildern, Emotionen und Anforderungen, die aus dem Beziehungskontext entstehen. Meine Fantasie, die sonst ein innerer Raum ist, verbindet sich mit Loyalität, Verantwortung, Angst vor Enttäuschung. Die innere Dichte wächst – und gleichzeitig verschwinden die Orte, an denen sie sich beruhigen könnte.

Das fühlt sich nicht nach „zu viel Nähe“ an.
Es fühlt sich nach Bodenverlust an.

Ich brauche Beziehung – aber nicht als Dauerraum, nicht als ständige Bezugnahme, nicht als permanente Resonanz. Für mich bedeutet Beziehung etwas anderes als Verschmelzung oder kontinuierliches Miteinander.

Beziehung heißt für mich:
Jede Person hat ihre eigenen Tätigkeiten, ihre eigenen Räume, ihre eigenen inneren Welten. Man begegnet einander in Schnittmengen – vorsichtig, freiwillig, ohne Garantie. Man probiert aus, ob etwas gemeinsam Freude macht, ohne dass daraus automatisch Verpflichtung entsteht.

Was für andere ein spontaner Impuls ist, ist für mich oft bereits Integration.
Wenn ich „Ja“ sage, nehme ich es ernst.
Wenn ich etwas in meinen Alltag aufnehme, bleibt es.
Deshalb bin ich vorsichtig mit Einladungen, die beiläufig klingen, aber Beziehung bedeuten.

In Freundschaften ist das meist gut tragbar. Sie dürfen fragmentarisch sein, punktuell, zeitlich begrenzt. In Partnerschaften hingegen wird diese Art des Wahrnehmens schnell anstrengend – vor allem dann, wenn Unverbindlichkeit als Ablehnung gelesen wird oder innere Prozesse ständig versprachlicht werden sollen.

Ich kann meine Wahrnehmung nicht beliebig vereinfachen, ohne sie zu verlieren.
Und ich kann meine innere Komplexität nicht dauerhaft übersetzen, ohne mich zu erschöpfen.

Was ich brauche, sind Beziehungen, in denen Realität Realität bleiben darf.
In denen Nähe nicht jeden Raum besetzt.
In denen „nicht wissen“, „nicht mögen“ oder „nicht mitgehen“ keine Bedeutung bekommt.

Ich brauche Beziehung mit Abstand, damit Nähe möglich bleibt.

Nicht, weil ich weniger fühlen würde –
sondern weil ich mehr wahrnehme, als viele sehen.