Über Ambivalenz, Fremdheit und das Scheitern der Erlösung
So wie ich schreibe, so nehme ich die Welt wahr.
Nicht als System mit klaren Gegensätzen, nicht als moralisch geordnete Landschaft, sondern als etwas grundsätzlich Uneindeutiges. Für mich gibt es kein stabiles Gut und kein eindeutiges Böse. Diese Begriffe setzen Trennschärfen voraus, die ich in der Realität nicht finde. Was ich stattdessen wahrnehme, ist Ambivalenz – nicht als Ausnahme, sondern als Grundzustand.
Diese Ambivalenz ist kein intellektuelles Konzept, das ich mir angeeignet habe. Sie ist die Art und Weise, wie mir Welt begegnet. Entscheidungen tragen immer mehrere Bedeutungen gleichzeitig. Handlungen sind nie eindeutig lesbar. Motive verschieben sich je nach Perspektive. Und jede Deutung bleibt vorläufig.
Deshalb funktioniert für mich auch der Begriff der Erlösung nicht. Erlösung setzt ein Ziel voraus, einen Endpunkt, ein Außen, von dem aus beurteilt werden kann, ob etwas „aufgelöst“ ist. Sie setzt voraus, dass es einen Zustand gibt, der erreicht werden kann – und dass jemand oder etwas diesen Zustand anerkennt. In einer Welt, die ich nur als fragmentiert, perspektivisch und widersprüchlich erfahre, ist Erlösung kein verweigertes Versprechen, sondern eine Kategorie, die ins Leere läuft.
Ähnlich verhält es sich mit Dankbarkeit, nur in die entgegengesetzte Richtung. Auch sie impliziert eine Ordnung, in der etwas eindeutig zugeordnet werden kann: Gabe und Geber, Ursache und Wirkung. Aber meine Wahrnehmung folgt keiner solchen klaren Linie. Was mir widerfährt, ist selten eindeutig gut oder schlecht. Es ist etwas, das mich formt, irritiert, verändert – oft gleichzeitig.
Diese Haltung transportiere ich in mein Schreiben. Nicht als These, nicht als Botschaft, sondern als Struktur. Meine Texte wollen nichts auflösen. Sie führen nicht zu einem moralischen Ergebnis. Sie enden nicht in Klarheit. Stattdessen kreisen sie um ein mulmiges Gefühl: das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ohne dass man es benennen kann.
Dieses Gefühl entsteht vor der Sprache. Es ist eine Irritation auf der Ebene der Wahrnehmung selbst. Sprache kommt bei mir nicht als Instrument der Erklärung ins Spiel, sondern als Versuch, diese Irritation erfahrbar zu machen, ohne sie zu verraten. Schreiben bedeutet für mich nicht, Unsicherheit zu beseitigen, sondern ihr eine Form zu geben, in der sie ausgehalten werden kann.
Zentral dafür ist die Einsicht, dass Wahrnehmung immer im Individuum entsteht. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben – sie werden niemals dasselbe wahrnehmen. Nicht, weil einer von beiden irrt, sondern weil Wahrnehmung kein neutraler Prozess ist. Sie ist gebunden an Geschichte, Körper, Angst, Hoffnung, Erfahrung.
Der Wunsch, im anderen das Gleiche zu finden – dieselbe Sicht, dieselbe Bedeutung, dieselbe Wahrheit – ist menschlich. Aber er ist strukturell zum Scheitern verurteilt. Und genau an diesem Punkt entsteht Fremdheit.
Das Denken und Verhalten anderer Menschen hat für mich immer etwas Fremdartiges. Etwas, das sich nicht vollständig erschließen lässt. Diese Fremdheit ist ambivalent: Sie fasziniert, weil sie Räume öffnet, die ich selbst nicht kenne. Und sie macht Angst, weil sie mich daran erinnert, dass Verstehen nie vollständig ist. Nähe entsteht nicht trotz dieser Fremdheit, sondern innerhalb von ihr – und scheitert oft genau dort, wo wir sie aufheben wollen.
Mein Schreiben bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Es ist kein Versuch, Verständigung herzustellen, wo sie nicht möglich ist. Es ist auch kein Rückzug in Unverbindlichkeit. Es ist der Versuch, ehrlich zu bleiben gegenüber einer Wahrnehmung, die keine endgültigen Antworten kennt.
Jede Kommunikation ist eine Preisgabe der eigenen Identität. Wer schreibt, legt offen, wie er sieht, wo er nicht auflöst, wo er stehen bleibt. Die Intensität, mit der ich bereit bin, auf mich selbst zu schauen – ohne mich zu retten, ohne mir Erlösung zu versprechen –, trage ich in meine Texte hinein. Leserinnen lade ich nicht ein, mir zu folgen oder mir zuzustimmen. Ich lade sie ein, für einen Moment zu prüfen, wie es sich anfühlt, Ambivalenz nicht sofort zu schließen.
Literatur wird für mich damit zu einem Ort, an dem Fremdheit nicht überwunden werden muss. Ein Ort, an dem das Scheitern von Eindeutigkeit nicht als Defizit gilt, sondern als Realität. Meine Texte bieten keine Antworten. Aber sie nehmen ihre Leser ernst genug, ihnen keine falschen zu liefern.
Was bleibt, ist kein Trost.
Aber vielleicht etwas anderes: die Erfahrung, dass dieses mulmige Gefühl, dieses Nicht-Stimmen, dieses Unklare kein persönliches Versagen ist. Sondern ein möglicher, ehrlicher Blick auf die Welt.
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