Die aktuelle Debatte über Künstliche Intelligenz kreist auffallend oft um eine scheinbar zentrale Frage:
Kann KI kreativ sein?

Dabei wird meist übersehen, dass die eigentliche Irritation an ganz anderer Stelle liegt. Die Leistungen der KI bedrohen nicht die Kreativität des Menschen – sie bedrohen eine weit verbreitete Illusion von Individualität, die in Wahrheit auf normiertem Geschmack und kultureller Konformität beruht.

Mainstream-Kreativität ist reproduzierbar – und genau das ist der Punkt

Dass KI heute Bücher schreiben, Bilder erzeugen oder Lieder komponieren kann, die als „gut gemacht“ wahrgenommen werden, liegt nicht daran, dass sie menschliche Kreativität übertroffen hätte. Es liegt daran, dass ein großer Teil dessen, was wir kulturell konsumieren, bereits stark standardisiert ist.

Mainstream-Kunst bewegt sich innerhalb klarer ästhetischer Korridore: vertraute Strukturen, erwartbare Emotionen, bekannte Narrative. Genau diese Muster sind statistisch erfassbar – und damit reproduzierbar. KI macht sichtbar, was zuvor verdeckt war: dass kulturelle Normalität weniger mit Originalität zu tun hat als mit Wiederholung.

Die Irritation entsteht also nicht, weil Maschinen Kunst erzeugen, sondern weil sie zeigen, wie normiert das ist, was wir längst akzeptieren.

Authentische Kreativität ist fordernd – und deshalb unbeliebt

Echte, authentische Kreativität ist nicht anschlussfähig im selben Sinn. Sie beruhigt nicht, bestätigt nicht, integriert sich nicht reibungslos. Sie fordert Positionierung, irritiert Identitäten und stellt implizite Normen infrage. Genau deshalb wird sie instinktiv gemieden.

Historisch zeigt sich dieses Muster immer wieder: Wirklich Neues wird zunächst abgelehnt oder ignoriert und erst akzeptiert, wenn es gerahmt, eingeordnet und ungefährlich geworden ist. Mainstream entsteht nicht aus Begeisterung für das Neue, sondern aus dem Bedürfnis nach Entlastung.

Konsum ohne Begegnung

Viele kulturelle Produkte werden heute weniger erlebt als besessen. Bücher, Musik oder Kunstwerke fungieren als Marker von Zugehörigkeit und Normalität. Man kauft sie, um sich selbst zu verorten – nicht, um sich durch sie verändern zu lassen.

In diesem Sinn konsumieren viele Menschen Kultur nicht, sie nutzen sie identitär. Sie suchen nicht Resonanz, sondern Bestätigung. Dass KI genau diesen Bereich problemlos bedienen kann, wirkt deshalb so verstörend.

Die eigentliche Angst: Identitätsverlust

Die viel beschworene Angst vor KI ist weniger eine Angst vor Arbeitsplatzverlust oder technischer Überlegenheit. Sie ist eine Identitätsangst.

Denn wenn ein KI-generiertes Werk nicht von einem menschlichen Mainstream-Werk zu unterscheiden ist, stellt sich nicht primär die Frage nach der Maschine, sondern nach dem eigenen Maßstab:

– Was sagt das über meinen Geschmack?
– Über meine Kriterien?
– Über mein Verständnis von Individualität?

KI hält der Gesellschaft keinen Spiegel der Zukunft vor, sondern einen Spiegel der Gegenwart. Sie legt offen, dass viele Normen, nach denen wir leben, keine substanzielle Grundlage haben – sie sind statistische Mittelwerte, keine kulturellen Wahrheiten.

Eine Norm, die nicht existiert

Die tiefere Verunsicherung liegt in der Erkenntnis, dass man sich an einer Norm orientiert hat, die nie existiert hat – außer als Aggregat von Wiederholungen. KI macht diese Leerstelle sichtbar. Nicht, weil sie kreativer wäre als der Mensch, sondern weil sie Konformität reproduziert, die sich lange als Individualität ausgegeben hat.

Kreativität jenseits der Bedrohung

Für Menschen, die ihre Kreativität nicht aus Anerkennung, Marktlogik oder Normanpassung beziehen, wirkt KI deshalb nicht bedrohlich. Sie kann Aufgaben übernehmen, Routinen entlasten, Reibung reduzieren – ohne den kreativen Kern zu berühren.

Die Maschine bedroht nicht das Eigene, sondern das Austauschbare.

Schluss

Künstliche Intelligenz zwingt uns nicht dazu, Kreativität neu zu definieren. Sie zwingt uns, ehrlich hinzusehen: auf unsere kulturellen Gewohnheiten, unsere Vorstellungen von Individualität und die Normen, an denen wir uns orientieren.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI kreativ sein kann.
Die Frage ist, wie viel von dem, was wir für Kreativität halten, schon lange Konformität ist.